2026.05.09_Mai-Wanderung

Mai-Wanderung, 9. Mai

Ein Dutzend Wanderlustige macht sich an diesem petrusgnädigen Samstag auf den Weg ins Oberaargau – bei genau jenem Wetter, das Wandernde glücklich macht: weder zu warm noch zu kalt, mit viel Sonnenschein in frischer Frühlingsluft.

Westlich von Murgenthal schlägt die Aare bekanntlich eine weite Schleife. Genau diese gilt es auszukosten – auf einem meist schattigen Uferweg, stets begleitet vom beruhigenden Blick auf den träge dahinfliessenden Fluss. Gegenüber grüsst das Dorf Wolfwil, das man bei Bedarf sogar per Fähre hätte erreichen können. Doch unsere kleine Pilgerschar bleibt diesseits des Wassers.

In Wynau zeigt sich allerdings, dass Vorfreude manchmal eine fromme Übung in Geduld ist: Der Besuch einer der ältesten Kirchen der Schweiz – mit Ursprung im 12. Jahrhundert -  fällt buchstäblich ins Wasser – wir stehen vor verschlossene Türen, weil tags darauf die Konfirmation stattfindet. Schade eigentlich, denn die spätmittelalterlichen Fresken aus dem 14. Jahrhundert – während der Reformation übertüncht und erst 1912 wiederentdeckt – hätten wir nur zu gern bewundert: kluge und törichte Jungfrauen, Evangelistensymbole und musizierende Engel. Immerhin haben nun alle einen guten Grund, wieder einmal nach Wynau zurückzukehren.

Weiter geht es über Oberwynau hinauf zur Mettlenrain-Höchi und hinein in einen grossen Wald, in dem man sich besser nicht verirrt. Seit rund zwanzig Jahren stehen grosse Teile dieses der Burgergemeinde Wynau gehörenden Waldes unter Schutz: 70 Hektaren Naturwaldreservat, in dem keine Motorsäge mehr etwas verloren hat, sowie weitere 100 Hektaren Teilreservat, wo der Förster nur noch eingreift, um die biologische Vielfalt zu fördern.

Mächtige Buchen, Fichten und Tannen säumen unseren Weg. Totholz liegt und steht überall herum – im Naturwald ein Zeichen von Gesundheit, auch wenn es für ordnungsliebende Spaziergänger zunächst etwas gewöhnungsbedürftig aussieht. Auf den Lichtungen breiten sich dichte Herden des Seegrases aus, einem Sauergras (Carex brizoides).

Dass Waldbaden Körper und Geist guttut, ist wissenschaftlich erwiesen. Und weil wir heute sogar in einem Naturwald baden, verlassen wir ihn auf der Südseite in der festen Überzeugung, unsere Lebenserwartung mindestens um drei Monate verlängert zu haben.

Langsam machen sich nun allerdings die bereits 8,5 Kilometer bemerkbar, die wir auf dem „Wandertacho“ haben. Die Schritte werden gemächlicher, die Gespräche ruhiger. Dafür entschädigen uns die blühenden Feuchtmatten mit blauen Witwenblumen, gelbem Hahnenfuss und Klappertopf für die zunehmende Müdigkeit mit einem letzten ästhetischen Höhepunkt.

Schliesslich erreichen wir nach insgesamt 11 Kilometern die Bahnstation Kaltenherberg. Die St.-Urban-Lokalbahn bringt uns zurück nach Langenthal, wo kurz darauf die SBB Richtung Burgdorf einfährt. Dort treffen wir kurz nach 18 Uhr wohlbehalten ein – einem gesunden und vermutlich tiefen Schlaf entgegenblickend.

Text und Fotos: Markus Bolliger