2026.04.11_Aprilwanderung

April-Wanderung, 11. April

Eine Schar von siebzehn gutgelaunten Wandersleuten steigt kurz nach zehn Uhr in Rümlingen BL aus – nichtahnend dass hier die erste Attraktion der 12km langen Wanderung zu bewundern ist: Eine Perle der Eisenbahngeschichte der Schweiz, ein Bahn-Viadukt erbaut 1855-56 vollständig von Hand von 85 Arbeitern in nur 17 Monaten aus Kalksteinquadern: 8 Rundbogen, 128m lang, 25m über dem Häfelfingertal. Es ist das älteste Viadukt des Schweizer Eisenbahnnetzes, das noch im Originalzustand erhalten ist, und machte 1858 die Verbindung Basel-Olten erstmals befahrbar. 1938 Rückbau auf ein Gleis, heute Nebenlinie, befahren im Stundentakt von der S9, dem „Läufelfingerli“.

Weiter geht es durch das bewaldete Chrintelbach-Tälchen mit einigen botanischen Frühlingsboten: Blühende Schlehdorn-Sträucher dem Bach entlang, Schlüsselblume, Milzkraut, Goldhahnenfuss und Sumpfdotterblume. Hinten wird das Tälchen schmaler und wilder, ein Naturschutzgebiet mit viel Totholz, es plätschert der Wasserfall, das Felsen-Rondell erinnert an den Creux-du-Van, nur eine Nummer kleiner.

Der Aufstieg nach Rünenberg ist steil, aber schattig. Am Dorfplatz Mittagspause im Angesicht des Denkmals von Johann August Sutter, der in Kalifornien Neu-Helvetien gegründet hat, auf Kosten der Eingeborenen; auch Henri Guisan ist wie Sutter Bürger von Rünenberg.

Weiter geht es durch goldgelbe Löwenzahn-Wiesen mit blühenden Kirschbäumen, eine Augenweide. Eine junge Wanderin hat sich mit lauter Weifäcke (= Taraxacum officinalis) eine Krone ins Haar geflochten. Weiter geht’s hinüber nach Wenslingen. Es ist der wandertechnisch anspruchsvollste Teil der Tour: relativ steil hinunter in das Eital, wo der Eibach fliesst. Auf der anderen Talseite den Steilhang gegenüber der Wasserflue im quälenden Schwitzgang hoch – in der vollen, schon junihaft wärmenden Sonne. Wir erleben hautnah die Geologie des Baselbietes: Die Kalk-Tafeln haben steil abfallende Seitenkanten, die es zu überwinden gilt, wenn man von einem Schoggi-Täfelchen zum andern gelangen will.

Das Dorf Wenslingen durchqueren wir transitmässig, denn wir wollen rasch zum schönsten Dorf dieser Wanderung: Oltingen. Es enttäuscht uns nicht – ein Bijou von einer Siedlung, ein lebendiges Museum. Das gesamte Dorfbild ist im Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung (ISOS). Und das zu Recht: Die Anordnung der Häuser mit ihren grossen Scheunentoren und den charakteristischen Bauerngärten wirkt so als wäre die Zeit im 18. Jahrhundert stehengeblieben. Und dann erst die Kirche St. Niklaus: Wer hätte hier im Bauerndorf eine spätgotische Kirche aus dem Frühmittelalter (Ersterwähnung: 1296!!) und Fresken aus dem 15. Jahrhundert vermutet? Darunter das Leben des Heiligen Nikolaus, das Martyrium des heiligen Erasmus. Wir nehmen im Chor Platz – direkt unter dem Jüngsten Gericht. Dieses allerdings soll noch etwas warten – nicht aber das Bier im „Ochsen“, das einige dem Kirchenbesuch vorzeitig vorgezogen haben. Die Gruppe hat sich inzwischen getrennt – die Eiligen sind eine Stunde früher abgereist, die andern haben die Wanderung sanft in der gemütlichen Dorfatmosphäre am Brunnen ausklingen lassen, der gratis reines Trinkwasser abgibt. Aber alle haben sicher die besten Erinnerungen mitgenommen vom zweitschönsten Kanton der Schweiz, was ich als Berner gerne bestätige.

Text und Fotos: Markus Bolliger