Die Frauen wohnen im Emmental. Bei der kleinen Kirche auf dem Hügel über der Stadt erzählten sie mir 24 Advents-Geschichten. Eigentlich war es eine einzige Erzählung: die Weihnachtsgeschichte. Ich hörte zu.

Die Frauen und Mädchen machten sich vor zwei Jahren, Anfang Dezember, auf eine einzigartige Reise nach Betlehem. Eine nach der anderen. Unterwegs schlossen sie sich zur Gruppe zusammen, 24 Frauen und Mädchen. An Weihnachten, am 25. Dezember, trafen sie in Betlehem ein.

Erstes Ziel der Vierundzwanzig war nicht das Caritas Baby Hospital. Sie sind zwar mit diesem verbunden in jeder heiligen Nacht, um ihre Solidarität mit Müttern und Kindern zu bekunden, die in grosser Not leben. Erstes Ziel aber war jenes Haus, von dem Matthäus berichtet: «Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter» (Mt 2,11). Dort begegneten die Frauen aus dem Emmental Sterndeutern aus dem Osten, die von Persien herkamen. Aus Ekbatana, wie sie erklärten. Zusammen erlebten die Emmentalerinnen und die Sterndeuter aus Persien mit der jungen Mutter aus Nazaret und deren Kind eine Sternstunde. In Betlehem. Für einmal woanders als mitten im Emmentaler Alltag.

Verbunden sind die 24 Frauen und Mädchen durch einen gemeinsamen Nenner. Sie werden Maria gerufen oder bekamen diesen Vornamen als zweiten Namen oder in Kombination mit einem anderen Vornamen.

Sie heissen Maria, Annamaria, Rosmarie, Laura Maria, Marianna, Marie-Claire, Maria Elisabeth, Lara-Maria, Rosmarie, Maria Teresa, Marianne, Marija, Marianne, Marie Theres, Maria Teresa, Marija, Maria Luisa, Ina Rosemarie, Mayra, Maria Nicola, Rosmarie, Maria Cruz, Marie Anne, Maria.

Die 24 verteilen sich auf Kirchberg, Fraubrunnen, Aefligen und in Büren zum Hof. Sie wohnen in Oberburg, im Rüegsauschachen, im Kaltacker. Sie leben in Burgdorf und Langnau. Einige kamen aus Italien, aus Deutschland, aus Kroatien, aus Spanien ins Emmental. Sie brachten ihre Sprachen, ihre Kulturen, ihre Kirchenbilder mit. Auch die meisten der Schweizer Marias sind Zugezogene.

Die jüngste, Lara-Maria, war vor der Reise knapp 2-jährig. Die älteste, Maria, stand im 99. Lebensjahr, unterdessen durfte sie ihren 100. Geburtstag feiern. Aus einer grossen Spannweite an Lebenserfahrungen erzählten mir die 24 Mädchen und Frauen von dem, was sie erlebten.

Die Idee, den Pilgerweg im Advent nach Betlehem zu gehen, entstand rund um die Kirche Maria Himmelfahrt in Burgdorf. Seit ihrem Bau 1902 auf dem Hügel über der Stadt trägt sie den Namen «Maria Himmelfahrt». Vier Marien-Figuren schmücken den Raum. Eine Maria steht draussen hoch oben am Kirchturm auf der Ostseite über der Grussformel «Ave Maria». Zwei Marien-Figuren befinden sich beim südlichen Seitenaltar: die goldene Himmelskönigin auf dem Hochstand fällt sofort auf. Die Maria in der Szene von Betlehem, wie sie Lukas erzählt, muss aus der Nähe betrachtet werden, ebenerdig. Die vierte Maria schwebt im Raum der Stille in blau gekleidet und hell beleuchtet Richtung Himmel.

Maria in der Szenerie von Betlehem gab den Impuls, dass sich 24 Marias aus dem Emmental zu ihrer Namenspatronin Maria «nach Betlehem» aufmachten. Eine abenteuerliche Reise im Advent. Sie wollten als Maria oder Marija, als Annamaria, als Rosmarie, als Lara-Maria oder Mayra «die» Maria treffen.

Marienlieder und Geschenke

Unterwegs auf ebener Strecke haben sie hie und da gesungen. «Salve Regina, mater misericordiae: vita, dulcedo et spes nostra, salve». Angestimmt wurde, wenn sie etwas Angst vor der nächsten Etappe spürten, jenes Lied aus dem Dreissigjährigen Krieg: «Maria, breit den Mantel aus, mach Schirm und Schild für uns daraus». Beim Pilgern durch winterliche Wälder sahen sie das Wunder: «da haben die Dornen Rosen getragen». Und regelmässig klangen helle Töne durch fremde Gegenden: «Magnicicat, anima mea – es jubeln Geist und Seele auf in mir». Wie wenn Engel singen würden.

Die Engel, pardon: die Marias aus dem Emmental brachten «der» Maria Geschenke nach Betlehem. So erzählten sie. Keinen Weihrauch. Keine Myrrhe. Kein Gold. Das überliessen sie den Sterndeutern aus dem Osten. Ihre Geschenke haben die 24 Frauen und Mädchen selber gefertigt oder getestet. Mit ihren Händen, klar. Mit Aufmerksamkeit. Mit Talenten. Mit Lebensenergie. Sie brachten Musik nach Betlehem, beschwingt gespielt mit Cello, Flöte, Zither, Klavier. Sie brachten schönste Blumen aus dem eigenen Garten mit. Sie brachten lesenswerte, den eigenen Horizont erweiternde Bücher mit. Sie brachten Kinderspielzeug für den Kleinen mit. Sie brachten Papier und Schreibstifte mit. Sie brachten Kochrezepte mit. Sie brachten Geschichten mit. An Leib und Seele erlebte Geschichten. Maria hörte zu, was ihre Gäste preisgaben von sich, von Kindern, Enkelinnen und Urenkeln. Und sie freute sich mit ihnen.

Die junge Frau und Mutter aus Nazaret ahnte noch nicht – so der Eindruck, den die Emmentalerinnen in Betlehem bekamen –, in welche Position die Kultur- und Kirchengeschichte Maria einst stellen wird. Man wird sie in einem Atemzug nennen mit der ägyptischen Isis, mit der syrischen Astarte, mit der griechischen Artemis, mit der römischen Juno. Man wird sie in Ephesus zur «Mutter Gottes» erklären. Festtage werden nach ihr benannt und Dogmen auf sie übertragen.

Was den 24 Marias aufgefallen und was ihnen geblieben sei vom Abenteuer nach Betlehem, so erzählten sie mir bei der kleinen Kirche auf dem Hügel über der Stadt, sei ihr aller Gespür, einer Freundin begegnet zu sein. Auf Augenhöhe. Maria, Marija, Mayra. Frauen aus dem Emmental.

PS: Dieser Text erschien in der Weihnachts-Nummer 52/2015 des Berner Pfarrblattes auf den Seiten 2 und 3. Bebildert war der Artikel mit 22 Gesichtern der Marias (Fotos: Nina Merenda; Layout: Otto Kunz) und einem Ausschnitt aus der Betlehem-Szene nach Lukas auf dem südlichen Seitenaltar (Foto: Roland Spring).

Markus Buenzli-Buob